Gustav Alvermann, DLG-Mitteilungen 2/2023

Soja mit Blick auf die Ostsee

Mehr kältetolerante und frühreife Sorten machen auch norddeutschen Landwirten Hoffnung auf einen erfolgreichen Sojaanbau. Doch die Sorten allein sind nicht alles. Worauf es außerdem ankommt, zeigt Gustav Alvermann

Noch ist Soja in Deutschland ein »zartes Pflänzchen«, für viele jedoch ein großer Hoffnungsträger. Bislang liegt der Anbauschwerpunkt vor allem in Bayern und Baden-Württemberg. Doch auch in nördlicheren Bundesländern setzt sich die Leguminose immer mehr durch. In den vergangenen Jahren haben die Züchter fleißig an frühreifen Sorten gearbeitet. Doch wie realistisch ist ein Anbau dieser subtropischen Kultur ganz im Norden der Republik? In dem Zusammenhang hört man immer wieder ein Argument: »Immerhin hat der Mais es ja auch geschafft.

Grundsätzlich könnte man meinen, der eigentümliche maritime Witterungsverlauf im Norden eignet sich gut für den Anbau von Sojabohnen.

Wäre da nicht das Jahr 2022 mit seiner lange andauernden Trockenheit gewesen. Die Sommerungen – allen voran die heimischen Körnerleguminosen – reagieren auf Wassermangel im Juni stark negativ. Hohe Ertragsunterschiede zu Wintergetreide und Raps fußen auf dieser Tatsache. Während Winterungen bei tiefer Wurzelentwicklung die Wasservorräte voll ausschöpfen und auf guten Böden auch in Trockenjahren oder wegen der hohen Nettoassimilation insbesondere in solchen Jahren beachtliche Erträge generieren, sind die Sommerungen bei begrenzter Wurzeltiefe je nach Saatzeit und Bestellqualität stärker auf ergiebige Niederschläge in der Vegetationsperiode angewiesen. Regelmäßig sind die erreichbaren Wasservorräte Ende Mai erschöpft.

Der vom Wuchsrhythmus mit Soja vergleichbare Mais zeigt, wie es geht.

Er braucht mehr Wärme als die heimischen Sommerungen, wird somit später gesät und kommt erst mit dem Fahnenschieben Anfang Juli in die kritische Phase des erhöhten Wasserbedarfes. Und das quittiert die nordische Witterung meistens mit ergiebigen Sommerniederschlägen. Diese Umstände machen die C4-Pflanze Mais, die Sonnenlicht bei ausreichend Wasser und Wärme effizient in Ertrag umsetzt, im Schnitt der Jahre neben Zuckerrüben zur leistungsfähigsten Sommerung. Zwischenzeitlich war der Mais in Schleswig-Holstein die am meisten angebaute Kultur – noch vor dem Weizen. Das ist unter anderem auch den intensiven Züchtungsaktivitäten bei Mais zu verdanken.

Soja als neues Fruchtfolgeglied wäre zur Auflockerung insbesondere der konventionellen angespannten Druschfruchtfolgen aus nur wenigen Winterungen ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings hat der Foto: landpixel 78 DLG-Mitteilungen 2/2023 Mais den Norden als Marktfrucht nur scheinbar erobert. Denn das Gros des Maises in Schleswig-Holstein steht vornehmlich in Futterbaubetrieben, und das regional konzentriert auf den mageren Böden des Mittelrückens als Silomais. Die Biogastechnologie hat dem einen weiteren Schub gegeben – aber wiederum eher in den Futterbauregionen. Kurzum: Nur gut 1% (!) der landesweiten Maisfläche wird als Körnermais geerntet. Und damit hat es der Mais als Druschmarktfrucht eben auch (noch) nicht in den Norden geschafft. Mit den steigenden Trocknungskosten aufgrund der Energieverteuerung ist da auf absehbare Zeit auch kaum eine schwunghafte Weiterentwicklung zu erwarten. In Mecklenburg-Vorpommern ist aufgrund eines klimatisch etwas größeren Körnermaispotentials und der geringeren Viehdichte ein höherer Anteil als Druschkultur einzuschätzen. Lohnend ist das aber auch nur da, wo man kostengünstig trocknen kann – z.B. mit der Abwärme einer Biogasanlage.

Der Vergleich von Soja mit Mais und dessen vermeintlicher Siegeszug in den Norden hinkt also.

Eigentlich müsste die Frage lauten: Hat der Sojaanbau an der Küste ein ähnliches Potential wie Körnermais? Und schon erhält man eine Einschätzung über die wahren Chancen. Züchterisch wird man die Schere zwischen Kälteverträglichkeit und Frühreife einerseits und dem Ertragspotential andererseits kaum ganz aushebeln können. Irritierend sind in dem Zusammenhang Berichte vom »Sojaerfolg« in Schweden. Wer allerdings mit Praktikern vor Ort spricht, bekommt zu höhren: »Wir dreschen lieber im Februar als im November. Denn dann ist der Frost sicherer und der Schnee geht besser durch den Drescher«. Das ist auch keine schöne Vision.

Tabelle: Sojaanbau von Süd nach Nord

Nur etwas weiter südlich wirds für Soja schon gemütlicher.

Wer in Deutschland nur 100 km weiter südlich der Küste recherchiert, bekommt sofort einen anderen Eindruck. Die Versuchsansteller in Müncheberg konzentrieren sich nicht so sehr auf die Kälteverträglichkeit der Pflanzen, sondern auf deren späteren Wuchs und damit auf eine verbesserte Wasserversorgung durch Sommerniederschläge oder alternativ durch Beregnung. So lagen im Schnitt der Jahre 2018 – 2020 die Sojaerträge mit Beregnung in einer Größenordnung von 30 dt/ha, und unberegnet in den Jahren 2017 – 2019 bei + /- 20 dt/ha. Die heimische Lupine schnitt in beiden Fällen deutlich schlechter ab. Und weil die späte Abreife mit hohen Druschfeuchten in Müncheberg schon ein deutlich geringeres Gewicht hat, ist der Sojaanbau dort schon eher eine Überlegung wert.

Der Anbau wird aber noch durch weitere Standortansprüche eingeschränkt.

Sojabohnen wollen einen schnell erwärmbaren Boden, Steine sind nicht willkommen, weil die unteren Hülsen sehr tief angesetzt werden, und eine gewisse Gleichmäßigkeit sollte auch gegeben sein. Andernfalls gibt es Probleme mit der Abreife und den hohen Druschfeuchten in Senken und auf schweren Kuppen. Die stark verschießenden Geschiebeböden an der Küste Ostholsteins oder Nordwestmecklenburgs bergen diesbezüglich eine weitere Hürde für Soja. Chancen gibt es auf hackfruchtfähigen, milden Standorten.

Eine weitere Krux: Natürlich muss auch Soja wirtschaftlich halbwegs mit den etablierten Referenzkulturen mithalten können.

Winterweizen mit 95 dt/ha und aktuell gut 30 €/dt setzt dabei den Standard und schließt im Umsatz mit 3000 €/ha ab. Selbst wenn man 500 € für den teuren Stickstoffdünger abzieht, bleibt bei einem Ertragspotential der Sojabohnen im NorFoto: Alvermann Sojaanbau von Süd nach Nord (ca. ha)* Land Anbau Italien ca. 350000 Deutschland gesamt 50000 Brandenburg >4000 Niedersachsen >1000 Mecklenburg-Vorpommern <1000 Schleswig-Holstein <100 * eigene Recherche Anders als die Ackerbohnen konnten diese spät gesäten Sojabohnen in der Nähe von Wismar 2021 noch von den Juliniederschlägen profitieren. In 2022 klappte das nicht – es blieb zu lange trocken. DLG-Mitteilungen 2/2023 79 PANORAMA | Anbaualternative den von 30 dt/ha und unterstellten 50 €/dt eine Differenz im Umsatz von 1000 €/ha. Die hohe Leistungsfähigkeit des Winterweizens im nordischen Klima ist Segen und Fluch zugleich und die Ursache dafür, warum sich die Praxis mit einem grundsätzlichen Umsteuern im Ackerbau so schwertut.

Gleichwohl hat in Schleswig-Holstein in guten Ackerbaubetrieben ein Umsteuern mit der Ackerbohne begonnen, in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zum Teil ebenfalls mit Erbsen. Auf bisher niedrigem Mengenniveau haben sich Märkte für die heimischen Leguminosen im Feed- und Food-Bereich aufgetan, die es den Sojabohnen als Alternative regional schwer machen. Ein schleswig-holsteinischer Ackerbauberater sagt: »Unsere Landwirte in Ostholstein haben auf guten, gleichmäßigen Lehmböden 60 dt/ha Ackerbohnen gedroschen. Auf den stark verschießenden Flächen waren es immer noch 50 dt/ha. Deshalb sehe ich in den nächsten 10 bis 15 Jahren in Soja keine Alternative.« Mit den genannten Erträgen kratzt die Ackerbohne an 2000 €/ha und wird obendrein sicher im September reif. Die Erbsen weiter östlich haben mit der Abreife ohnehin kein Problem und stehen auf Standorten, die früh bestellt werden können.

Aber ist Soja wirklich nirgends im Norden eine Alternative?

Wer mehrere Gunstfaktoren kombinieren kann, baut im Norden Soja an. Anlässlich eines Soja-Feldtages in MecklenburgVorpommern berichtete ein Anbauberater von einem größeren konventionellen Betrieb in Brandenburg, der bereits seit mehreren Jahren in größerem Stil erfolgreich Sojabohnen anbaut. Der Betrieb verknüpft folgende Gunstfaktoren: •gleichmäßiges, handhabbares Land mit knapp 40 Bodenpunkten, •teilweise Beregnungsmöglichkeit, •Vermarktung im Vertragsanbau für die Verwertung in der Humanernährung zu Preisen von ca. 70 €/dt sowie •nicht so leistungsfähige Referenzkulturen (ca. 70 dt/ha Wintergetreide).

Ein weiterer preislicher Schritt lässt sich machen, wenn man ökologisch produziert.

Wie beim Mais ist der realisierbare Sojaertrag in diesem Anbausegment kaum niedriger als konventionell. Anlässlich des Soja-Feldtages berichtete ein Ackerbauleiter südöstlich von Rostock von einem ansteigenden Flächenumfang bei Körnerleguminosen im Allgemeinen und Sojabohnen im Speziellen in dem von ihm gemanagten Anbau. Die insgesamt im Verbund gehaltenen 300000 Biolegehennen werden aus einem eigenen Kraftfutterwerk versorgt. Mittelfristiges Ziel ist es, die Rohstoffversorgung komplett aus eigener Hand zu generieren. Etwa 5000 ha Ackerland bilden die Basis dafür. Erfahrungen mit dem Sojaanbau bestehen hier seit drei Jahren. Das anspruchsvollste ist die Unkrautregulierung. Ohne Herbizid ist Soja als Sonderkultur fast wie Gemüse einzuordnen. Die vor Ort besichtigten Bestände sahen erfreulich aus. Noch erfreulicher ist jedoch der Preis von gut 90 €/dt für Biosoja. Der Ertrag liegt bisher im Schnitt bei 20 dt/ha. »Mit etwas Feilen an Sorten und Anbautechnik wollen wir absehbar auf 25 dt/ha im Schnitt kommen«, so der Landwirt. Neben dem höheren Preis im Vergleich zu dem Betrieb in Brandenburg kommt hier der Vorteil der Trocknung mit der Abwärme einer eigenen Biogasanlage hinzu.

Über eine ähnliche Faktorkombination verfügen Biobetriebe in Ostniedersachsen. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg wartet mit dem im Norden höchsten Bioflächenanteil von heute etwa 20% auf. Die Böden sind hackfruchtfähig, das Klima warm und eine Beregnung fast obligatorisch. Außerdem »können« die Landwirte Biohackfrucht – das haben sie bei verschiedensten Kulturen bewiesen. Auf diese Weise ist regional ein Biosojaanbau entstanden, der die etwa 1000 ha in Niedersachsen maßgeblich prägt.

Fazit.

Zählt man Brandenburg und Niedersachsen mit, so kann man die Frage »Soja im Norden?« mit einem klaren Ja beantworten. Die Züchter haben in den vergangenen Jahren gute Arbeit geleistet. In den beiden unmittelbar küstennahen Bundesländern ist der Anbau jedoch nur bei einzelbetrieblich ausgesprochen erfolgreicher Kombination verschiedener Gunstfaktoren attraktiv.

Gustav Alvermann, Bioackerbauberater in Westerau

Fotos: Alvermann